• Interview

Ob auf dem Smartphone, zuhause am PC, auf dem Weg zur Arbeit via Tablet oder im Auto – kaum ein anderes Medium kommt auf so vielfältigen Wegen zum Hörer wie Radio. Eine Riesenchance sieht Kristian Kropp darin. Auch bigFM setzt neben der UKW-Ausstrahlung auf die Verlängerung der Marke in die digitalen Kanäle: egal ob Online oder Mobile, auf Social Media-Plattformen oder via Smart TV – der Sender trifft seine Hörer überall.

  • Welche Rolle spielt das traditionelle Radio heutzutage im stark gewachsenen Angebot von Medien und Übertragungswegen?

Die Fachleute sind sich einig: Die Endgeräte bestimmen die Medienmärkte der Zukunft. Das Smartphone wird der Hauptumschlagplatz der Audio-Nutzung. Es ist unstrittig, dass das beste Format für reichweitenstarke Mobilwerbung Digital Audio ist. Schlussfolgerung: Sehr gute Aussichten für die Digital Audio-Spezialisten im Radio. Spannend wird die Frage, wer den besten Content hat. Denn hier ist ein globaler Wettbewerb entbrannt. Vom digitalen Milliarden Audio Markt hat die lineare UKW-Welt bis heute nichts – oder so gut wie nichts. Wenn hier nicht sozial-intelligente Produktlösungen entstehen, ist klar, wer hier das Rennen macht: Spotify, Pandora, Tune In & Co. Noch sehe ich eine realistische Chance, dass der deutsche Privatfunk hier mit Content angreifen kann.

  • Wie geht das etablierte Medium Radio mit den digitalen Möglichkeiten um?

Die Zauberformel lautet „Social Radio Revolution“. Die Vernetzung von UKW, Online und Social Media wird immer perfekter. Wer nicht über Suchmaschinen gefunden wird und wessen Content nicht viral geteilt wird, hat langfristig keine Überlebenschance. Warum? Was nicht in Echtzeit gemessen werden kann, wird Stück für Stück verschwinden. US-amerikanische Stationen schauen oft neidisch auf die führenden deutschen Radio-Communities. Bertolt Brecht würde sich freuen, wenn er seine Ur-Idee vom Senden, Empfangen, Kollaborieren, Teilen und Mitmachen in realiter sehen würde.

  • Wie gelingt es dem Massenmedium im Zeitalter der verstärkt individuellen Mediennutzung, den Kontakt und die Nähe zum Nutzer zu halten?

Radio hat eine „soziale“ DNA. Kooperieren, Teilen, Mitteilen, Weitergeben, Senden und Empfangen liegen in der Natur der Sprech-Kommunikation und damit des Radios. Durch das Smartphone wird das noch stärker zum Ausdruck kommen. Der Anteil der User, die ihr Mobilgerät zum Hören von Musik verwenden, steigt kontinuierlich: Schon jetzt nutzt die Mehrzahl ihr Gerät zum Musikhören. Zwei Drittel davon sagen, dass sie auch Webradio über ihr Smartphone hören. Und jeder Dritte dieser Smartphone-Musik-Nutzer bedient sich Streaming-Diensten wie Spotify. Unterm Strich hören rund 40 Prozent täglich Musik über ihr Smartphone. John Donham, Chef von Tune In, ist optimistisch und sagt: „Radio is the original form of social media. It allows you to connect with other people and ideas in your community or beyond, for free. This is what makes radio unique and the reason behind its longevity.” Also erneut: ganz im Sinn von Bertolt Brecht. Ich zitiere Bob Pittmann, Chef des US-Radiogiganten Clear Channel: „Think in tribes. After a radio company has identified a tribe, it can position its brand as the beat of the tribe.”

  • Wie lässt sich der Erfolg sinnvoll nachweisen und belegen? Welche Möglichkeiten ergeben sich daraus für den Werbemarkt?

Die aktuelle Befragungsmechanik der Media Analyse verdeutlicht, wie weit die alte Welt der Kontaktchancen-Wahrscheinlichkeit von der Echtzeit in der digitalen Welt entfernt ist. Die bisherigen Medien-Währungen sagen nichts über die Benchmarks des digitalen Zeitalters aus: Aktivierungsgrad, Involvement-Index oder Social Shares. Hat eine Medienmarke die Kraft, Menschen zu Handlungen zu bewegen oder: Wie groß ist die „Talk of Town Power“ eines Mediums. Mit der neuen Konvergenzwährung ma IP Audio gehen wir in die richtige Richtung. David Eicher, Deutschlands führender Social-Währungsexperte, hat das in seinem Media-Manifest vor Jahren bereits exakt beschrieben. Damals hat man ihn belächelt, jetzt verlangt der Werbemarkt nach viralen Botschaften, Aktivierung und messbarer Leadgenerierung.

  • Welche wirtschaftliche Perspektive bietet die Digitalisierung? Und welche Zukunftsvision haben Sie für das Radio?

Radio ist der ideale Turbo für die neue digitale Währung, von der ich eben gesprochen habe. Digital Audio auf mobilen Endgeräten wird zum führenden Werbemittel in diesem Context. Wirklich „Big Business“ mit großen Wachstumsperspektiven. Wir stehen mitten in einer digitalen Medien-Revolution Denn zum allerersten Mal in der Geschichte führt der Fortschritt dazu, dass Technik den Faktor Mensch nicht reduziert. Im Gegenteil: Der israelische Organisationsforscher Eyal Steiner zeigt systematisch auf, dass die Digitalisierung die zwischenmenschliche Kommunikation und Interaktion stark forciert hat. Das ist die große Chance, die Radio - insbesondere in Deutschland - in den nächsten Jahren hat. Dann wenn es „social“ wird – oder nach Clear Channel Chef Pittmann „tribal“. Die digitalen Mähdrescher von Apple, Google und Co. wissen das auch und kennen ihre Schwächen: Sie haben nicht wie Radio die Kraft, Dingen mittels Storytelling eine Bedeutung zu geben. Sie werden alles versuchen, den „Human Factor“ in ihren intelligenten Robotern zu erhöhen. Nicht kopierbar ist die Kraft des Menschen, des Anchors, des local hero. Die vielen „Local Radio Heroes“ in Deutschland. Die Arno Müllers, Susanka Bersins, Böttcher & Fischers, Frankies, Kunzes, John Ments oder Wolfgang Leikermosers dieser Welt. Klar: die technischen Rahmenbedingungen im Global Digital Village sind längst zementiert. Der Zugang in die lokalen Märkte erfolgt jedoch über Köpfe. Local heroes, unverwechselbar, kein Display, die nachweislich den Unterschied zu Spotify und Co machen. Die DNA unserer Branche. Denn Menschen prägen Produkte und deren Haltung. Deutschlands führender Markenspezialist, Frank Dopheide, sieht hier eine große Zukunftschance für Radio „Eine Persönlichkeitsmarke wirkt fünffach wertsteigernd und ist der Turbo für die Kommunikation des Radios. Radio Personalities haben wie in kaum einem anderen Massenmedium die Kraft, die höchste Wertstufe der Kommunikation zu erreichen: Die Identifikation.“ Richtig gute Aussichten für ein Urvieh, das gerade dabei ist, seine wahre Identität in der Digitalisierung zu erkennen.