• Audio Insight –

  • Branchenexperten im Interview

  • Wie sich klassisches Radio für die Zukunft aufstellen muss

Christian Bollert, Gründer und geschäftsführender Gesellschafter bei detektor.fm, über Herausforderungen und Chancen für klassisches Radio auch in Zukunft erfolgreich bestehen zu können.

  • Welche Chancen und Herausforderungen bringt die digitale Transformation für etablierte Radioformate mit sich?

In den letzten Monaten und Jahren zeigt sich, dass qualitativ hochwertige Anbieter von Entwicklungen wie der enorm schnell wachsenden Podcast- und Audio-on-Demand-Nutzung besonders profitieren. Etablierte Radioformate konkurrieren schon heute mit diesen neuen und schnellen Wettbewerbern. Durch Smart-Speaker und Internet im Auto wird sich dieser Konkurrenzkampf in den nächsten Jahren noch deutlich verschärfen. Ich bin überzeugt davon, dass erstklassiger Content der Schlüssel für den Erfolg auf verschiedenen Plattformen ist. Denn die Hörer sind durch andere Medien wie Video-on-Demand an die selbstbestimmte Nutzung gewöhnt. Diese Flexibilität verlangen sie auch von ihrem Lieblingsradio – hier müssen sich etablierte Radioformate anpassen und geeignete Antworten finden.

  • Was können Radiomacher tun, um in Zeiten fragmentierter Mediennutzung neue, nachwachsende Zielgruppen für das Medium Audio zu begeistern?

Radiomacher kommen nicht darum herum, selbst attraktive Podcast- und Audio-on-Demand-Angebote zu entwickeln, denn das Hören erlebt keinen kurzfristigen Hype, sondern eine messbare Renaissance. Wer nicht innovativ ist, wird in Kürze große Probleme bekommen. Denn natürlich muss man als Audioanbieter auch auf den wichtigsten Plattformen wie Musikstreaming-Diensten oder Podcast-Apps vertreten sein. Das gilt auch für die Entwicklung zeitgemäßer Werbeformate für diese Plattformen. Wir bei detektor.fm haben zum Beispiel in den letzten neun Jahren gelernt, dass Podcast-Werbung sich signifikant von klassischen Radiospots unterscheiden muss. Die Hörer erwarten in Podcasts eine sachliche Kommunikation auf Augenhöhe, auch und gerade bei Werbebotschaften. Das zeigen auch aktuelle Untersuchungen und Befragungen unserer Hörer. Darauf müssen sich Radiomacher, aber auch Werbetreibende und Media-Agenturen einstellen.

  • Wie sieht das Radio der Zukunft aus?

Radio wird weiterhin ein Tagesbegleiter sein, aber gleichzeitig auch immer mehr personalisierte Aspekte bieten. Warum sollen die Nachrichten nicht beispielsweise von einem Anbieter kommen, während die Musik von einem anderen Anbieter oder einem Musikstreaming-Dienst kommt? Solche Konstellationen kann ich mir vor allem für Mainstream-Programme vorstellen, bei denen der Wortanteil schon heute oft verschwindend gering ist. Der große Erfolg von Musikstreaming-Diensten ist bereits ein deutlicher Fingerzeig in diese Richtung. Gerade bei spezialisierten Angeboten wird jedoch die bewusste Auswahl von Musik und Themen sowie die individuelle Präsentation durch die Moderatoren weiterhin den Charme von Radio ausmachen. Die Spezialisierung kann dabei ganz unterschiedlich sein. Vielleicht ist es die Musikfarbe, eine regionale Ausrichtung oder auch eine inhaltliche Perspektive des Senders. Außerdem bin ich davon überzeugt, dass sich verschiedene Audioangebote komplementär ergänzen werden. Eventuell höre ich morgens in Bad und Küche klassisches Radio, im Büro dann mein Lieblingswebradio, beim Sport am Abend einen Podcast und beim Kochen meine Lieblingsmusik über einen Musikstreaming-Dienst. Wenn es dann noch eine vertrauenswürdige Plattform gibt, die all das gebündelt anbietet, wäre ich als Nutzer extrem glücklich. Der Livecharakter bleibt derweil sicher eine absolute Stärke des Radios. Wenn Dinge in diesem Augenblick passieren und ich als Hörer dabei sein kann, muss sich Radio oder Audio nicht hinter Video-Livestreams verstecken. Ein gutes Beispiel dafür sind die weiterhin faszinierenden Audioübertragungen von Fußballspielen.